
Für Kunsttherapie sind keine künstlerischen Fähigkeiten nötig. Bewertet wird nichts: weder Technik noch Ergebnis. Gearbeitet wird mit dem, was beim Gestalten entsteht und was dabei innerlich in Bewegung kommt. Menschen mit künstlerischer Vorerfahrung haben es zu Beginn sogar häufig schwerer, weil eingeübte Ansprüche an das Ergebnis den Prozess bremsen.
Auf einen Blick
- Voraussetzung: keine – weder Technik noch Vorerfahrung.
- Bewertung: findet nicht statt; es gibt kein richtig oder falsch.
- Material: wird gestellt, meist Farbe, Papier, Ton oder Collagematerial.
- Nutzen: Zugang zu Themen, für die noch keine Worte vorhanden sind.
Warum das Ergebnis keine Rolle spielt
Kunsttherapie ist kein Kunstunterricht. Das Bild ist kein Werk, sondern eine Spur des Prozesses. Aufschlussreich sind meist gerade die Momente, die im Kunstunterricht als Fehler gälten: die Stelle, an der die Farbe verläuft; die Ecke, die leer bleibt; der Strich, der immer wieder übermalt wird.
Das Bild hat gegenüber dem Gespräch einen praktischen Vorteil: Es bleibt bestehen. Es kann später erneut betrachtet, ergänzt, übermalt oder weggelegt werden. Damit ist Abstand jederzeit möglich – ein wichtiger Punkt in der Traumaarbeit.
Wenn wir Bilder machen, geben wir der Seele ein Gefäß, denn sie macht sich uns durch Bilder erkenntlich.
Dr. Bettina Egger, „Der gemalte Schrei“
Was in einer Sitzung geschieht
- Ankommen und Thema klären. Ein kurzes Gespräch über das, was gerade da ist. Daraus ergibt sich ein Impuls – manchmal eine Frage, manchmal nur eine Farbe oder Stimmung.
- Gestalten. 20 bis 40 Minuten Arbeit am Material, ohne Kommentar von außen. Sprechen ist möglich, aber nicht nötig.
- Betrachten. Das Bild wird aufgestellt und aus Abstand angesehen. Was fällt zuerst auf? Was wurde erst jetzt sichtbar?
- Benennen. Was das Bild zeigt, wird in Worte gefasst – nicht gedeutet, sondern beschrieben. Die Bedeutung kommt von der malenden Person, nicht von der Therapeutin.
- Weiterarbeiten oder abschließen. Manchmal wird direkt verändert: eine Grenze eingezogen, eine Figur ergänzt, ein Bereich abgedeckt. Diese Veränderung am Bild wirkt oft stärker als ein Gespräch darüber.
Häufige Bedenken
| Bedenken | Wie damit umgegangen wird |
|---|---|
| „Ich kann keine geraden Linien.“ | Es sind keine geraden Linien gefragt. Wer möchte, arbeitet mit Collage, Ton oder Fingerfarbe statt mit dem Pinsel. |
| „Mir fällt nichts ein.“ | Der Anfang wird vorgegeben – eine Farbe, eine Fläche, ein Punkt. Leere zu Beginn ist der Regelfall, nicht die Ausnahme. |
| „Mein Bild sieht schrecklich aus.“ | Ein sogenannt schreckliches Bild ist oft das ehrlichste. Ästhetik ist kein Kriterium. |
| „Muss ich das Bild jemandem zeigen?“ | Nein. Bilder bleiben in der Praxis, werden mitgenommen oder vernichtet – das entscheidet die malende Person. |
| „Ich habe früher gemalt und war nicht gut.“ | Bewertungen aus der Schulzeit sind ein häufiges Thema. Sie werden benannt und bearbeitet, statt umgangen. |
Für wen kunsttherapeutische Arbeit besonders geeignet ist
- wenn Gespräche an einen Punkt kommen, an dem Worte fehlen
- bei frühen Erfahrungen, die vor dem Spracherwerb entstanden sind
- wenn das Erzählen selbst zu stark belastet – das Bild erlaubt Distanz
- bei starker Rationalisierung, wenn das Denken das Fühlen zuverlässig überholt
- bei diffusen Zuständen, die sich nicht benennen lassen, aber gestalten
Hinweis: Dieser Text informiert und ersetzt keine Diagnose und keine Behandlung. In akuten Krisen erreichen Sie die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222, den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117 und den Rettungsdienst unter 112.
Häufige Fragen
Welche Materialien werden verwendet?
In der Regel Acryl- oder Aquarellfarbe, Kreide, Kohle, großformatiges Papier, teilweise Ton und Collagematerial. Die Auswahl richtet sich nach dem Thema: Weiche Materialien laden zum Fließenlassen ein, feste geben Struktur und Halt.
Wird mein Bild gedeutet?
Nicht im Sinne einer Auslegung von außen. Es gibt keine feste Bedeutung von Farben oder Formen. Beschrieben wird, was zu sehen ist; die Bedeutung entsteht im Gespräch mit der malenden Person.
Kann Kunsttherapie eine Gesprächstherapie ersetzen?
Sie ist meist eine Ergänzung, kein Ersatz. In der Praxis werden beide Zugänge kombiniert: Gespräch für Einordnung und Verstehen, Gestaltung für das, wofür Sprache nicht ausreicht.
Passend dazu
Neugierig, wie das praktisch abläuft?
Im kostenfreien Informationsgespräch lassen sich Ablauf und Material in Ruhe klären.
